Eine neue Bestellung Kreiden kommt an - und wie jedes Mal wächst noch beim Auspacken die Vorfreude auf die neuen, farbenfrohen Sticks, darauf sie in das bestehende Sortiment einzusortieren, sie das erste Mal auf verschiedenen Papieren zu testen. Die Pigmente leuchten um die Wette, das Pastellmalerherz schlägt höher.
Bei meiner letzten Lieferung war ein kleiner Kasten Kreiden mit dabei, der auf der Unterseite dieses Etikett trug, es waren Warnhinweise. Nicht einatmen, nicht schlucken, krebserregend und Reproduktionsstörungen verursachend, auch schon der Kreidestaub reicht aus. Da wird die Freude über die neuen Kreiden zugegeben doch ein wenig gedämpft und man kommt ins Grübeln.
Aber ist das wirklich so überraschend? Wir reden von Farbstoffen, und wenn man kurz darüber nachdenkt, ist es umso unwahrscheinlicher, dass gerade davon keine Gefahr ausgehen soll. Jeder hat wohl zumindest ein klein wenig Respekt vor Farbstoffen, die eingesetzt werden um unser Plastik schön bunt zu machen, oder die Jeans in die Farbe zu tauchen, in der sie sein soll. Schluckt man gerne Farbstoffe aus Lebensmitteln? Und jeder weiß vermutlich, dass viele dieser Farbstoffe nicht nur in der Umwelt, sondern auch bei uns immense Schäden anrichten können. Und dennoch neigt man dazu zu denken, dass die Farben, wenn man damit einer so kreativen und arglosen Tätigkeit wie der Malerei nachgeht, gar nichts Schlimmes sein können. Wie naiv, wenn man genauer darüber nachdenkt.
Wie viele von uns runzeln die Stirn bei Zusatzstoffen im Lebensmitteln, Plastikverpackungen um Essen herum oder Luftverschmutzung durch z.B. Lacke. Pastellstäube mit Farbstoffen dürften da, wenn man ehrlich ist, wohl nicht viel besser sein. In einer Dokumentation über den bekannten Ölmaler Bob Ross berichtete einer seiner Freunde, dass sich Familie und Freundeskreis des verstorbenen Malers bis heute Fragen, ob dessen Krebserkrankung durch den permanenten Umgang mit Lösemitteln hervorgerufen wurde.
In den USA gibt es die American Society for Testing and Materials, kurz ASTM. Eine schöne Beschreibung dazu kommt von Liz Haywood-Sullivan in diesem Artikel aus ihrem Buch Painting Brilliant Skies & Water in Pastel (s. Bild).
Auch meine Kreiden tragen, wie man oben sieht, den Zusatz "Conforms to ASTM D-4236". Ein kleines bisschen besser fühlt man sich dabei schon. Aber dennoch bleibt ein Nachgeschmack, zumindest bei mir.
Gibt es ähnliche Kontrollen zu Kunstmaterialien in Europa? Gehört habe ich davon bisher noch nicht, das wäre wohl mal eine Recherche wert.
Zumindest gehöre ich zu denen, die nicht ohne Handschuhe malen, sobald ich die Pastelle und Farben in die Hand nehme. Die Aufnahme potenziell schädlicher Stoffe über die Haut kann dadurch minimiert werden. Der Staub ist ein anderes gesundheitliches Thema bei der Pastellmalerei, das dürfte wohl auch kaum von der Hand zu weisen sein. Meine Malräume sind möglichst gut belüftet. Ich denke, die Anschaffung eines Luftreinigers bzw. im wahrsten Sinne Staubfängers wäre wohl jederzeit eine sinnvolle Investition und durchaus eine Überlegung wert. In den USA sind diese "Staubsauger" für die Pastellmalerei erhältlich, sie werden unter der Staffelei platziert. In hiesigen Regalen habe ich sie noch nicht gesehen.
Schaden kann es jedenfalls wohl nicht, wenn man sich auch beim Thema Malen - und möge das eine noch so harmlose und schöne Tätigkeit sein - ein wenig kritisch mit potentiell gesundheitsschädlichen Stoffen auseinandersetzt und versucht möglichst viel dafür zu tun, Gesundheitsgefahren auch hier zu vermeiden.