Gute Kreiden, schlechte Kreiden


Immer wieder wird von gutem und schlechtem Material geredet. Und natürlich sagt jeder Hersteller, sein Material sei von bester Qualität. Nicht nur als Künstler fragt man sich natürlich automatisch, was bei manchen Herstellern wohl den Preis rechtfertigt, und ob das günstigere Material nicht doch ausreicht für den eigenen Bedarf. Auch ich bin kein Freund überteuerter Produkte, bei denen ich letztendlich nur einen Namen auf einer Verpackung bezahle.

 

Vor einigen Tagen musste ich bei einem Motiv, das ich gemalt habe, zu Farben greifen, die ich sonst eigentlich nie benutze. Sprich die Pastelle sind wirklich uralt. Sie waren in den ersten Sets mit Kreiden, die ich überhaupt besessen habe. Das dürfte geschätzt also grob 20 Jahre her sein. Diese Kreiden lagen also 20 Jahre mal in der Sonne, mal im Schatten, aber waren alle halbwegs unbenutzt. Zum Malen habe ich sie jetzt von ihrer Banderole befreit und durchgebrochen. Und da haben sich wirklich Unterschiede aufgetan!


Der erste Stick (oben): Ein eher günstiger Hersteller, fast in jedem besseren Bastelladen zu finden. Mit diesen Kreiden habe ich angefangen die Pastellwelt zu erkunden.

  1. Der ganze Stick
  2. Banderole entfernt und durchgebrochen. Man sieht jetzt schon die Unterschiede in der Farbe an der frischen Bruchfläche und dem restlichen Stick. Das Licht ist offensichtlich auch durch die Banderole gedrungen.
  3. Die frische Bruchfläche (links) und die lichtexponierte Fläche (rechts) nebeneinander. Man sieht direkt, was Lagerung und Licht hier mit den Pigmenten gemacht haben. Lichtecht bedeutet für mich etwas anderes.

Der zweite Stick: Sennelier, ein höherpreisiger Hersteller mit gutem Ruf und Namen. Noch lange nicht das obere Ende der Fahnenstange, was Preise für die Sticks angeht, aber auch nicht ganz günstig.

  1.  Der ganze Stick
  2.  Durchgebrochen, die frische Bruchfläche (links) neben der lichtexponierten Fläche (rechts). Wenn überhaupt, sind hier marginale Unterschiede in der Farbe zu erkennen. Das Licht hat die Pigmente kaum verändert.
  3. Nochmals die frische Bruchfläche (unten) neben dem anderen, lichtexponierten Ende des Sticks (oben)

Eine andere Farbe. Dieser Hersteller ist ebenfalls recht bekannt, eher im günstigen Preissegment anzusiedeln, und die Produktion der Sticks erfolgt im größeren Maßstab und eher industrialisiert (viele der teuren Hersteller fertigen ihre Sticks in Handarbeit).

  1. Der ganze Stick
  2. Der durchgebrochene Stick, die lichtexponierte Fläche (links) neben der frischen Bruchstelle (rechts)
  3. Die frische Bruchstelle (links) nochmals neben der lichtexponierten Fläche (rechts). Was für ein Unterschied!

Wieder ein Stick von Sennelier (ich hatte zum Vergleich leider keinen in violett), außerdem noch ein Bild eines günstigen Sticks in vermeintlich ähnlicher Farbe (grün-blau):

  1. Der ganze Stick
  2. Die frische Bruchfläche (links) neben der lichtexponierten (rechts). Auch hier ist kaum ein Unterschied in der Farbe der Pigmente wahrzunehmen.
  3. Mein Lieblingsbild aus dieser Serie. Ich wollte ein Grün-Blau greifen, ähnlich wie der Senni-Stick daneben. Die Fläche, auf der der Stick die ganze Zeit gelegen hat, ist die linke im Bild, die rechte war dem Licht ausgesetzt. Und so schnell wird aus einem satten, kräftigen Grün ein Blau-Grün. Das Licht hat einen 2-in-1-Stick daraus gemacht.

 

Fazit

Klar kann man günstige Pastelle kaufen. Das habe auch ich getan am Anfang. Und gerade als Anfänger denkt man "Ach, zum Probieren reicht das doch erst einmal!". Aber die günstigen Pastelle sind (ganz offensichtlich) nicht nur nicht lichtecht, sie haben meiner Meinung und Erfahrung nach auch deutlich schlechtere Maleigenschaften! Sie geben weniger Farbe an das Papier ab, leuchten weniger, haften weniger gut auf dem Papier. Das birgt Frustpotential und kann einem im Zweifelsfall den Spaß an der Pastellmalerei verderben - gerade wenn man als Anfänger mit Misserfolgen kämpft, die eigentlich dem Material verschuldet sind.

 

Mir hat meine kleine, zufällige Entdeckung wieder deutlich vor Augen geführt, warum ich die günstigen Sticks nie wieder nachgekauft habe. Sie sind einfach nicht lichtecht. Und wenn die Sticks das nicht sind, dann sind es die dünnen Pigmentschichten auf einem gemalten Bild erst recht nicht.

Gut, nun sind diese Kreiden wirklich um die 20 Jahre alt. Aber ich glaube nicht, dass das Verblassen der Farben erst vor Kurzem eingesetzt hat. Vermutlich war das schon nach wenigen Jahren sichtbar, und mir ist es bloß bislang nie aufgefallen. Und ich möchte mich nicht darüber ärgern, dass meine Bilder ihre Leuchtkraft nach wenigen Jahren schon verlieren, wenn sie einfach in einem hellen Raum hängen. Auch hier gilt also meiner Meinung nach, dass die Investition in gute Pigmente sich wirklich lohnt!